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Partnerschaft

Was Papas in Patchworkfamilien wirklich denken

Von Sally Matthes · 18. Juli 2025 · Aktualisiert: 10. März 2026
Paar geht zusammen durch herbstlichen Wald, warme Erdtöne

In einer Patchworkfamilie wird oft über die Perspektive der Bonusmama gesprochen — aber selten über das, was der Papa wirklich denkt und fühlt. Dabei ist seine Sicht entscheidend: Er steht zwischen seinen Kindern und der neuen Partnerin, zwischen altem System und neuem Anfang. Laut Bray & Kelly (1998) scheitern viele Patchwork-Beziehungen daran, dass der Vater das Ausmaß der Veränderung für seine neue Partnerin unterschätzt. In Deutschland leben rund 1,1 Millionen Patchworkfamilien (Statistisches Bundesamt, 2024) — und oft hat er selbst keine Ahnung, wie viel von dem, was er als „normal” empfindet, für seine Partnerin alles andere als selbstverständlich ist. In diesem Artikel erfährst du, was Sascha — ein Papa in einer Patchworkfamilie — ehrlich über seine Perspektive erzählt.


Warum wir so selten die Papa-Perspektive hören

Als systemischer Coach und Bonusmama spreche ich in meinem Podcast regelmäßig mit Bonusmamas. Mit Frauen, die sich öffnen, die erzählen, wie es sich anfühlt, in ein bestehendes Familiensystem zu kommen. Aber weißt du, was ich fast nie höre? Die Seite des Papas.

Nicht weil Papas nichts zu sagen hätten. Sondern weil sie oft selbst nicht wissen, was sie sagen sollen. Weil sie das Gefühl haben, es läuft doch irgendwie. Weil sie nicht verstehen, warum ihre Partnerin manchmal so verletzt ist — obwohl sie doch alles geben.

„Der Papa sieht keine Veränderung, weil sich für ihn nichts verändert hat. Für dich hat sich alles verändert. Und genau diese Lücke müsst ihr überbrücken.“ — Sally Matthes, Coach für Bonusmamas

Genau deshalb ist diese Folge mit Jani und Sascha so besonders. Jani war Coaching-Kundin bei mir. Und zum ersten Mal sitzt nicht nur die Bonusmama vor dem Mikro — sondern auch der Papa. Sascha erzählt offen, was er dachte, was er fühlte und was er erst spät verstanden hat. Das ist selten. Und es ist wertvoll.


🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Was Papas in Patchwork-Familien wirklich denken” an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.


„Für mich war der Schritt nicht ganz so groß” — die Kennenlernphase aus seiner Sicht

Einer der ehrlichsten Sätze, die Sascha in unserem Gespräch gesagt hat, war dieser:

„Für mich war der Schritt nicht ganz so groß. Jani kam als Gast in ein bestehendes System von vier.” – Sascha

Lies das nochmal. Er sagt nicht, dass es ihm egal war. Er sagt, dass sich für ihn wenig verändert hat. Sein Alltag, seine Kinder, seine Routinen — alles blieb. Jani war diejenige, die sich in etwas Fremdes eingefügt hat. Und genau da beginnt das Ungleichgewicht, das so viele Patchwork-Beziehungen prägt.

Denn während du als Bonusmama dein ganzes Leben umkrempelst — neue Kinder, neue Regeln, ein neuer Rhythmus — verändert sich für den Papa erstmal überraschend wenig. Er merkt oft gar nicht, wie viel du aufgibst und anpasst. Nicht weil er es nicht sehen will. Sondern weil er es schlicht nicht so erlebt.

Wenn du dich darin wiederfindest, lies auch meinen Artikel über das Gefühl, als Bonusmama ewig in der zweiten Reihe zu stehen — denn genau dieses Gefühl entsteht oft schon in der Kennenlernphase.

Paar sitzt auf einer Bank im Park und redet miteinander, warmes Licht


Die Kinder vorstellen — zwischen Offenheit und Unsicherheit

Sascha hat einen Weg gewählt, den ich mir von mehr Papas wünschen würde: Er hat offen mit seinen Kindern gesprochen. Er hat ihnen gesagt, dass er jemanden kennengelernt hat. Und er hat gleichzeitig zugegeben, dass er selbst nicht genau weiß, wie das alles wird.

Das klingt vielleicht unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn viele Väter machen einen von zwei Fehlern: Entweder sie stellen die neue Partnerin viel zu früh vor — nach dem Motto „Das wird schon” — oder sie halten alles so lange geheim, bis die Kinder sich hintergangen fühlen.

Sascha hat stattdessen Unsicherheit eingestanden. Und das ist stark. Weil es den Kindern signalisiert: Ich nehme eure Gefühle ernst. Ich weiß nicht alles. Aber ich bin ehrlich mit euch.

Wenn du gerade in der Phase bist, in der ihr überlegt, wie ihr die Kinder einbezieht — dann schau dir auch die 10 Fragen für deine Beziehung an. Denn bevor die Kinder ins Spiel kommen, muss eure Basis als Paar stimmen.


„Ich wollte doch nur Nummer eins sein” — wenn Bedürfnisse unsichtbar werden

Jani hat etwas beschrieben, das ich aus dem Coaching so gut kenne. Sie fühlte sich zurückgesetzt. Geplante Abende zu zweit wurden abgesagt, weil die Kinder Vorrang hatten. Spontane Pläne? Unmöglich. Ihre Bedürfnisse landeten immer auf Platz zwei.

„Ich wollte einfach nur Nummer eins sein. Aber das konnte ich lange nicht aussprechen.” – Jani

Und hier wird es spannend: Jani konnte ihre Bedürfnisse erst durch das Coaching klar formulieren. Vorher hat sie es geschluckt. Sich zusammengerissen. Gedacht, sie darf das nicht fordern — weil die Kinder ja „schon da waren” und sie „wusste, worauf sie sich einlässt”.

Kennst du diesen Satz? „Du wusstest doch, worauf du dich einlässt.” Er ist einer der destruktivsten Sätze in Patchwork-Beziehungen. Denn er sagt im Grunde: Deine Gefühle sind ungültig, weil du dich freiwillig für diese Situation entschieden hast.

Die Wahrheit ist: Niemand weiß vorher, wie sich Patchwork wirklich anfühlt. Du kannst es dir vorstellen. Aber das Gefühl, wenn dein Partner zum dritten Mal den gemeinsamen Abend absagt, weil sein Kind nicht einschlafen kann — das kannst du dir nicht anlesen. Das musst du durchleben.

Wie du in solchen Momenten klare Grenzen setzen kannst, ohne die Beziehung zu gefährden, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten als Bonusmama.


Das Feld von hinten aufgerollt — warum Patchwork-Liebe anders funktioniert

Jani und Sascha haben einen Satz gesagt, der mich nicht mehr losgelassen hat:

„Wir haben das Feld von hinten aufgerollt.” – Jani und Sascha

Was sie damit meinen: In einer klassischen Beziehung kommt erst die Verliebtheit, dann der Alltag, dann die Herausforderungen. In einer Patchworkfamilie ist es umgekehrt. Erst kommen die Herausforderungen. Die Kinder, die Expartnerin, die Logistik, die Konflikte. Und irgendwann — wenn ihr das alles übersteht — kommt die Verliebtheit. Oder besser: eine tiefere Form von Verbundenheit.

Das ist wichtig zu verstehen. Denn es erklärt, warum sich Patchwork am Anfang so schwer anfühlt. Du vergleichst vielleicht mit Paaren, die verliebt in den Urlaub fahren, während du dich fragst, ob du am Wochenende überhaupt einen Platz am Esstisch hast. Aber dieser Vergleich hinkt. Weil euer Weg ein anderer ist.

Und dieser andere Weg ist nicht schlechter. Er ist anders. Was daraus wachsen kann, hat ein Fundament, das viele „normale” Beziehungen nie erreichen. Weil ihr euch bewiesen habt — unter Bedingungen, die wirklich hart waren.

Wenn du gerade in dieser schweren Anfangsphase steckst und dich fragst, ob das alles überhaupt Sinn ergibt, lies auch meinen Artikel darüber, warum Patchwork scheitert — und was die Paare anders machen, die es schaffen.

Zwei Hände halten eine Tasse Kaffee zusammen, gemütliche Atmosphäre


Was Stimmen von außen mit euch machen

Ein Thema, das im Gespräch mit Jani und Sascha immer wieder auftauchte: die Meinungen anderer.

Sascha hat überwiegend Positives gehört. Freunde und Familie sagten Dinge wie: „Die tut dir gut.” Das hat ihm Rückhalt gegeben. Aber bei Jani sah es ganz anders aus.

„Warum tust du dir das an? Das sind doch nicht deine Kinder.” – Das hat Jani von ihrem Umfeld gehört.

Gleichzeitig wurde sie von ihrer eigenen Familie gelobt: „Toll, dass du dich darauf einlässt.” Klingt erstmal positiv, oder? Aber dieses Lob hatte eine Kehrseite. Jani wurde zur „Retterin” stilisiert — zur Frau, die sich aufopfert. Und damit kam ein enormer Druck: Du kannst jetzt nicht aufgeben. Du hast dich committed. Alle finden das so bewundernswert.

Dieses Lob wurde zur Falle. Denn es hat Jani das Gefühl genommen, auch nicht können zu dürfen. Auch zweifeln zu dürfen. Auch sagen zu dürfen: Das ist mir gerade zu viel.

Wenn du das Gefühl kennst, dich als Außenseiterin in der Patchworkfamilie zu fühlen — auch weil dein Umfeld deine Situation nicht versteht — dann bist du nicht allein.


Coaching als Wendepunkt

Jani war kurz davor aufzugeben. Das hat sie im Gespräch offen gesagt. Ohne das Coaching wäre sie nicht mehr in der Beziehung.

Was sich durch das Coaching verändert hat: Jani hat gelernt, ihre Bedürfnisse zu benennen. Nicht aggressiv, nicht vorwurfsvoll — sondern klar. Sie hat verstanden, dass ihr Wunsch nach Priorität keine Schwäche ist. Und Sascha hat verstanden, dass seine Perspektive — „für mich hat sich nicht viel verändert” — nicht die ganze Wahrheit war.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus diesem Gespräch: Es geht nicht darum, wer recht hat. Es geht darum, dass beide Perspektiven gleichzeitig wahr sein können. Für Sascha war der Schritt klein. Für Jani war er riesig. Beides stimmt. Und erst wenn beide das anerkennen, kann echte Kommunikation in der Patchworkfamilie entstehen.


Romantische Beziehung auf Platz eins — ohne Konkurrenzdenken

Ein letzter Punkt, der mir wichtig ist: Jani und Sascha haben für sich eine klare Ordnung gefunden. Ihre romantische Beziehung steht auf Platz eins. Die Kinder stehen auf einer anderen Ebene — nicht darunter, nicht darüber. Es ist kein Ranking. Es sind verschiedene Ebenen der Liebe.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Denn als Bonusmama hast du oft das Gefühl, dass du gegen die Kinder antreten musst. Dass du dich beweisen musst. Dass du nur dann wertvoll bist, wenn du auch als Mama-Ersatz funktionierst.

Aber genau das stimmt nicht. Deine Beziehung zu deinem Partner und eure Beziehung zu den Kindern sind zwei verschiedene Dinge. Und wenn die Paarbeziehung stark ist, profitieren am Ende alle davon — auch die Kinder. Das ist kein Egoismus. Das ist die Balance in der Verantwortung, die eine Patchworkfamilie braucht.


Zusammenfassung Was du aus dieser Geschichte mitnehmen kannst

Dieses Gespräch hat gezeigt, was passiert, wenn beide Seiten ehrlich sind. Wenn der Papa ausspricht, dass er vieles erst spät verstanden hat. Wenn die Bonusmama sagt, dass sie kurz davor war zu gehen. Und wenn beide trotzdem — oder gerade deshalb — noch zusammen sind.

Patchwork ist kein Sprint. Es ist eine Entscheidung, die du jeden Tag neu triffst. Mit all dem Chaos, den Verletzungen, den Missverständnissen — aber auch mit der Möglichkeit, etwas aufzubauen, das tiefer geht als die meisten Beziehungen, die nie durch solche Prüfungen mussten.

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