Zurück zum Blog
Rolle & Identität

Sabrinas Geschichte: Was sie als Bonusmama gelernt hat

Von Sally Matthes · 26. September 2025 · Aktualisiert: 13. März 2026
Zwei Frauen sitzen auf einer Gartenbank und führen ein tiefes Gespräch im warmen Nachmittagslicht

Bonusmama und Mama eigener Kinder gleichzeitig zu sein ist eine der größten Herausforderungen in einer Patchworkfamilie. Sabrina weiß das aus eigener Erfahrung. Im Interview blickt sie auf ihre Anfangszeit zurück, erzählt von Unsicherheiten, dem Gefühl nicht dazuzugehören und den Wendepunkten, die alles verändert haben. Als Coach für Bonusmamas weiß ich: Geschichten wie Sabrinas machen Mut — weil sie zeigen, dass der Weg nicht perfekt sein muss, um gut zu werden.


🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Sabrinas Geschichte: Was sie als Bonusmama gelernt hat” an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.


Du verliebst dich in einen Mann mit Kindern. Du weißt, worauf du dich einlässt — theoretisch. Du hast Bücher gelesen, Podcasts gehört, dich vorbereitet. Und dann sitzt du zum ersten Mal am Esstisch mit seinen Kindern, und alles, was du gelesen hast, fühlt sich an wie Theorie aus einem anderen Universum. Die Blicke. Das Schweigen. Die unausgesprochene Frage: Wer bist du eigentlich?

Du versuchst, locker zu sein. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Du lachst an den richtigen Stellen, hilfst beim Abräumen, fragst nach der Schule. Und trotzdem spürst du es: Du bist die Fremde an diesem Tisch. Nicht weil dir jemand das sagt. Sondern weil jede Faser deines Körpers es fühlt.

Genau so hat es bei Sabrina angefangen.


Die unsicheren Anfänge

Sabrina beschreibt ihre ersten Monate als Bonusmama als eine Zeit voller Selbstzweifel. Sie wollte alles richtig machen — und merkte schnell, dass „richtig” in einer Patchworkfamilie ein bewegliches Ziel ist. Was gestern funktioniert hat, konnte morgen das Falsche sein. Was die Kinder an einem Tag akzeptierten, lehnten sie am nächsten ab.

Sie erzählt von einem Nachmittag, der sich in ihr Gedächtnis gebrannt hat. Das Bonuskind hatte ein Bild gemalt — die Familie. Mama, Papa, das Kind. Sabrina fehlte. Sie stand in der Küche, hielt das Bild in der Hand und spürte, wie der Stich kam. Nicht weil ein Kind sie absichtlich ausschloss. Sondern weil sie in dessen Realität schlicht noch nicht vorkam.

Wenn die Bonuskinder sagten „Du bist nicht meine Mama”, traf sie das tiefer als erwartet. Nicht weil sie deren Mama sein wollte — sondern weil es sich anfühlte wie: Du gehörst nicht hierher. Du bist nicht genug. Du bist ersetzbar.

Studien von Patricia Papernow (2013) zeigen, dass Stiefmütter in der Anfangsphase häufig das Gefühl haben, Außenseiterinnen in der eigenen Familie zu sein. Sabrina war keine Ausnahme. Aber sie hat etwas Entscheidendes anders gemacht: Sie hat ihre Unsicherheit nicht versteckt, sondern benannt. Sie sagte ihrem Partner: „Ich weiß gerade nicht, wo mein Platz ist.” Nicht als Vorwurf. Als Wahrheit. Und diese Ehrlichkeit war der erste Riss in der Mauer.

„Ich habe aufgehört, so zu tun, als wüsste ich, was ich tue. Und genau das hat den Wendepunkt gebracht.” — Sabrina, Bonusmama


Frau steht allein in einem herbstlichen Wald und blickt nachdenklich zu den Baumkronen

Die Suche nach Zugehörigkeit

Was Sabrina am meisten beschäftigt hat, war nicht die Erziehung, nicht der Haushalt, nicht mal die Ex-Partnerin. Es war die Frage, die nachts in der Dunkelheit am lautesten wurde: Gehöre ich wirklich zu dieser Familie?

Das Gefühl, immer einen Schritt hinter den anderen zu sein

Sabrinas Partner hatte eine Geschichte mit seinen Kindern, die sie nicht teilte. Erinnerungen, Insider-Witze, Rituale — ein ganzes Universum aus gemeinsamen Erlebnissen, zu dem sie keinen Schlüssel hatte. Und sie stand daneben und versuchte, sich einzufügen — ohne aufzufallen. Lachte mit, wenn sie nicht verstand worüber. Nickte, wenn alte Geschichten erzählt wurden, in denen sie nicht vorkam.

Viele Bonusmamas kennen diese Insider-Outsider-Dynamik: Du bist da, aber du bist nicht drin. Du sitzt am Tisch, aber die Verbindung, die die anderen teilen, geht an dir vorbei wie ein Gespräch in einer Sprache, die du noch nicht fließend sprichst.

In Deutschland leben rund 1,1 Millionen Patchworkfamilien (Statistisches Bundesamt, 2024). In jeder einzelnen davon gibt es eine Person, die dieses Gefühl kennt. Du bist nicht die Einzige, die sich so fühlt. Das Schwierige: Dieses Wissen allein macht es nicht leichter. Es tröstet für einen Moment — und dann kommt der nächste Abend, an dem du wieder die Einzige bist, die kein Insider-Witz zum Lachen bringt.

Der Wendepunkt

Für Sabrina kam er, als sie aufhörte, sich mit der leiblichen Mutter zu vergleichen. Nicht weil der Vergleich unfair war — sondern weil er irrelevant war. Sie war nicht hier, um jemanden zu ersetzen. Sie war hier, weil sie diesen Mann liebte und bereit war, Teil von etwas Größerem zu werden. Etwas Unfertigem, Krachendem, manchmal Schmerzhaftem — aber Echtem.

Der Vergleich hatte sie jahrelang vergiftet. Jedes Mal, wenn die Kinder von „Mama” sprachen — dieser weiche, selbstverständliche Ton —, spürte Sabrina den Stich. Nicht Eifersucht. Eher Sehnsucht. Nach dieser bedingungslosen Selbstverständlichkeit, die biologische Eltern geschenkt bekommen und die sie sich erkämpfen musste.

In über 100 Coaching-Begleitungen habe ich erlebt: Der Moment, in dem Bonusmamas aufhören, sich zu rechtfertigen, ist der Moment, in dem sie ankommen. Nicht weil sich die Umstände ändern. Sondern weil sich die Haltung ändert — von „Ich muss beweisen, dass ich hierher gehöre” zu „Ich bin hier. Punkt.”


Bonusmama und Mama — die Doppelrolle

Als Sabrina dann eigene Kinder bekam, veränderte sich die Dynamik erneut. Plötzlich war sie nicht mehr „nur” Bonusmama, sondern auch Mama. Und das brachte neue Fragen. Unbequeme Fragen. Die Art Fragen, die um drei Uhr morgens kommen und nicht mehr gehen.

Behandle ich alle Kinder gleich? Merken die Bonuskinder einen Unterschied? Bin ich gerecht — oder bilde ich mir das nur ein?

Die Wahrheit über „gleich behandeln”

Sabrina sagt etwas, das viele nicht hören wollen: „Ich liebe alle Kinder in dieser Familie. Aber die Liebe zu meinen eigenen Kindern fühlt sich anders an — nicht mehr, nicht weniger, aber anders.” Und genau diese Ehrlichkeit macht sie glaubwürdig. Weil sie nicht so tut, als gäbe es keinen Unterschied. Weil sie sich traut, die Wahrheit auszusprechen, die andere hinter Floskeln verstecken.

Die gesellschaftliche Erwartung ist klar: Liebe alle Kinder gleich. Sei fair. Mach keinen Unterschied. Aber Gefühle lassen sich nicht demokratisieren. Du kannst Verhalten gleichbehandeln — Regeln, Aufmerksamkeit, Zeit. Aber das Gefühl? Das hat seine eigene Logik. Und je mehr du versuchst, es zu kontrollieren, desto mehr frisst der Schuldgefühl-Kreislauf an dir.

Wenn du dich in diesem Thema wiederfindest, lies auch den Artikel über die Doppelrolle als Bonusmama und Mama — dort gehe ich tiefer auf die emotionalen Herausforderungen ein.

Was die Bonuskinder brauchen

Sabrina hat gelernt: Kinder spüren Unterschiede, auch wenn du sie versteckst. Sie spüren die Anspannung in deinem Körper, wenn du versuchst, „gleichmäßig” zu sein. Sie merken, wenn dein Lachen bei ihnen eine Spur weniger selbstverständlich ist als bei deinen eigenen Kindern.

Was sie aber noch stärker spüren, ist Ehrlichkeit. Ihre Bonuskinder wissen: Sabrina ist nicht ihre Mama. Aber sie ist eine Erwachsene, die sich für sie entschieden hat — freiwillig, jeden Tag aufs Neue. Und diese Entscheidung, dieser tägliche Akt des Wollens, hat seinen eigenen Wert. Vielleicht sogar einen größeren als Biologie — weil er bewusst ist.


Was Sabrina nach Jahren Patchwork gelernt hat

Im Interview blickt Sabrina auf ihre Reise zurück und teilt die Erkenntnisse, die sie durch Schmerz, Zweifel und sehr viel Selbstreflexion gewonnen hat.

Frau hilft einem Kind bei den Hausaufgaben am Küchentisch, ein anderes Kind malt daneben

1. Perfektionismus ist der Feind

Am Anfang wollte Sabrina die perfekte Stiefmutter sein. Immer freundlich, immer geduldig, immer verständnisvoll. Sie hat sich verbogen, ihre Bedürfnisse runtergeschluckt, jede Grenze aufgeweicht, um ja nicht als „die böse Stiefmutter” dazustehen. Das Ergebnis? Burnout. Totale Erschöpfung. Der Punkt, an dem du weinend unter der Dusche stehst und nicht mehr weißt, wer du ohne diese Rolle eigentlich bist.

Sie lernte: Gute Bonusmamas sind nicht die, die nie genervt sind. Es sind die, die ehrlich damit umgehen. Die sagen: „Ich brauche gerade eine Pause.” Ohne Rechtfertigung.

2. Grenzen sind kein Egoismus

Sabrina hat lange gebraucht, um zu verstehen, dass Grenzen setzen kein Zeichen von Ablehnung ist. Jedes Mal, wenn sie Nein sagte, fühlte sie sich schuldig. Als würde sie damit beweisen, dass sie nicht genug liebt. Heute weiß sie: Grenzen sind kein Mangel an Liebe — sie sind deren Schutz. Sie sagt Nein, wenn sie Nein meint — und die Kinder respektieren sie dafür mehr, nicht weniger.

3. Die Beziehung zum Partner ist das Fundament

Wenn die Partnerschaft wackelt, wackelt alles. Das Patchwork-System steht und fällt mit der Verbindung zwischen euch beiden. Sabrina und ihr Partner haben gelernt, sich regelmäßig Zeit füreinander zu nehmen — ohne Kinder, ohne Patchwork-Themen. Einfach als Paar. Manchmal nur eine Stunde auf dem Sofa. Manchmal ein Abendessen, bei dem sie nicht über Umgangsregelungen reden. Lies dazu auch, wie Paarzeit in der Patchworkfamilie gelingen kann.

4. Es wird besser

Nicht linear. Nicht ohne Rückschläge. Es gibt Wochen, in denen alles funktioniert — und dann einen Sonntagnachmittag, an dem alles wieder in Scherben liegt. Aber insgesamt: besser. Sabrina sagt, dass sie heute — nach Jahren — endlich das Gefühl hat, angekommen zu sein. Nicht weil alles perfekt ist. Sondern weil sie gelernt hat, mit dem Unperfekten umzugehen. Weil sie aufgehört hat, auf den Tag zu warten, an dem alles „richtig” ist — und angefangen hat, das Richtige im Jetzt zu finden.

Bray & Kelly (1998) bestätigen: Es dauert im Durchschnitt 4-7 Jahre, bis eine Patchworkfamilie wirklich zusammenwächst. Sabrinas Geschichte ist ein Beleg dafür — und ein Beweis, dass Durchhalten sich lohnt. Nicht blindes Durchhalten. Sondern das bewusste Entscheiden, jeden Tag aufs Neue.


Zusammenfassung

Sabrinas Geschichte zeigt: Der Weg als Bonusmama ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Die Anfänge waren unsicher, die Zugehörigkeit musste erkämpft werden, und die Doppelrolle als Bonusmama und Mama brachte neue Herausforderungen. Aber mit Ehrlichkeit, dem Mut zu Grenzen und der Bereitschaft, unperfekt zu sein, hat sie ihren Platz gefunden. Wenn du gerade am Anfang stehst oder mittendrin steckst: Es wird nicht leichter, weil die Probleme verschwinden. Es wird leichter, weil du wächst. Und dieses Wachstum — mit all seinen Rissen und Narben — ist das Wertvollste, was du aus dieser Reise mitnehmen wirst.

Willst du wissen, was dich als Bonusmama wirklich blockiert?

In 3 Minuten findest du heraus, welches Muster sich unbemerkt eingeschlichen hat und was du tun kannst, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Break the Cycle starten →

Häufige Fragen

Wie gehe ich als Bonusmama mit dem Gefühl um, nicht dazuzugehören?

Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit ist in den ersten Jahren einer Patchworkfamilie völlig normal. Studien zeigen, dass es 4-7 Jahre dauern kann, bis sich alle Familienmitglieder wirklich verbunden fühlen. Wichtig ist, die Unsicherheit zu benennen statt zu verstecken — gegenüber dem Partner und gegenüber dir selbst.

Ist es normal, die eigenen Kinder anders zu lieben als die Bonuskinder?

Ja. Liebe hat verschiedene Qualitäten, und das bedeutet nicht, dass eine Liebe mehr oder weniger wert ist. Ehrlichkeit über diese Unterschiede — statt sie zu leugnen — schafft langfristig mehr Vertrauen bei allen Kindern.

Was ist der wichtigste Rat für Bonusmamas am Anfang?

Lass den Perfektionismus los. Du wirst Fehler machen, du wirst unsicher sein, und das ist in Ordnung. Die Bonusmamas, die am besten durch die Anfangszeit kommen, sind nicht die fehlerfreien — sondern die ehrlichen.