Bonusmama und Mama: Wenn du beide Seiten kennst
Du bist Mama und Bonusmama gleichzeitig — und niemand sieht, was das wirklich bedeutet. Du liebst deine eigenen Kinder bedingungslos. Und du gibst alles für deine Bonuskinder. Aber was passiert, wenn diese beiden Rollen kollidieren? Wenn du merkst, dass du für die einen zu viel und für die anderen nie genug bist?
„Ich kenne beide Seiten. Die Seite, wo mein Herz vor Liebe fast platzt — und die Seite, wo ich mich frage, ob ich überhaupt dazugehöre. Beides existiert gleichzeitig. Und darüber redet niemand.”
Julia kennt dieses Gefühl. Sie ist Bonusmama und Mama — und hat in unserem Interview mit einer Ehrlichkeit gesprochen, die unter die Haut geht. Über die Dinge, über die man als Stiefmutter sonst schweigt. Über Loyalitätskonflikte, Grenzen mit der Ex und die Frage, wie viel man geben kann, ohne sich selbst zu verlieren.
🎙 Passend dazu: Hör dir die Podcastfolge „Bonusmama und Mama: Wie Julia lernte, loszulassen ohne aufzugeben” an — auf Spotify oder überall, wo du Podcasts hörst.
Die unsichtbare Last der Doppelrolle
Als Mama und Bonusmama trägst du eine Last, die kaum jemand versteht — nicht mal du selbst manchmal. Denn von außen sieht es einfach aus: Du hast Kinder, er hat Kinder, ihr macht eine Familie draus. Was soll daran so schwer sein?
Alles. Denn was von außen wie ein Familienpuzzle aussieht, fühlt sich von innen an wie ein Drahtseilakt über einem Abgrund. Laut einer Untersuchung des Bundesministeriums für Familie (2021) leben rund 14 % aller Familien in Deutschland als Patchworkfamilie — und unter den Bonuselternteilen, die selbst Kinder mitbringen, berichten über 70 % von regelmäßigen Rollenkonflikten.
Sally Matthes, Coach für Bonusmamas: „Die Doppelrolle ist wie zwei verschiedene Betriebssysteme gleichzeitig laufen lassen. Als Mama hast du Instinkte, Automatismen, eine tiefe Verbindung. Als Bonusmama musst du dir alles erarbeiten — jeden Vertrauensvorschuss, jede kleine Geste. Und beides läuft parallel. Kein Wunder, dass dir manchmal der Akku ausgeht.”

Wenn die Kinder dich spalten
Der schmerzhafteste Moment in der Doppelrolle? Wenn du merkst, dass du unterschiedlich fühlst. Dass dein Herz für dein eigenes Kind sofort aufspringt — und bei deinem Bonuskind erst einen Moment zögert. Nicht weil du es nicht magst. Sondern weil die Verbindung eine andere ist.
Und dann kommt die Schuld. Die Stimme, die sagt: Du musst alle gleich behandeln. Du musst alle gleich lieben. Sonst bist du eine schlechte Mutter. Eine schlechte Bonusmama. Eine schlechte Partnerin.
Stopp. Gleiche Liebe ist ein Mythos, der Patchworkfamilien mehr schadet als hilft. Die Familientherapeutin Dr. Patricia Papernow sagt klar: Unterschiedliche Bindungsqualitäten zu leiblichen Kindern und Bonuskindern sind normal und gesund — solange alle Kinder mit Respekt und Fürsorge behandelt werden.
Was Julia gelernt hat: Du darfst unterschiedlich fühlen, ohne unterschiedlich zu handeln. Dein Bonuskind braucht keine gespiegelte Mutterliebe. Es braucht eine verlässliche, warme Erwachsene, die da ist. Nicht mehr. Nicht weniger.
Loslassen, ohne aufzugeben
Julias größtes Learning klingt einfach, war aber der härteste Weg: Aufhören, alles persönlich zu nehmen.
Wenn das Bonuskind sich distanziert — nicht persönlich nehmen. Wenn die Ex Grenzen überschreitet — nicht persönlich nehmen. Wenn dein Partner zwischen allen Stühlen sitzt und dich gerade nicht sieht — nicht persönlich nehmen.
Das heißt nicht, dass es nicht wehtut. Es heißt, dass du aufhörst, den Schmerz als Beweis dafür zu nehmen, dass du versagst.
Julias Strategie in drei Schritten:
- Beobachten statt reagieren. Wenn die Kinder sich streiten, wenn die Ex eine spitze Nachricht schickt, wenn dein Partner schweigt — erst durchatmen. Dann fragen: Was passiert hier wirklich? Meistens hat es nichts mit dir zu tun.
- Grenzen setzen statt schlucken. „Ich trage das nicht mit” ist ein vollständiger Satz. Du musst ihn nicht begründen, nicht rechtfertigen, nicht abschwächen.
- Präsent sein statt perfekt. Deine Bonuskinder brauchen keine zweite Mama. Sie brauchen jemanden, der einfach da ist — ohne Erwartung, ohne Agenda, ohne Performance.
Gemeinsame Grenzen finden — als Paar
Julia und ihr Partner haben einen Weg gefunden, der für beide funktioniert: Regelmäßige Gespräche über Grenzen. Nicht in der Hitze des Konflikts, sondern geplant, ruhig, ehrlich.
Konkret sieht das so aus:
- Einmal pro Woche 30 Minuten: Was läuft gut? Wo reiben wir uns?
- Klare Absprachen: Wer kommuniziert was mit der Ex? (Tipps dazu hier)
- Kein Dreieck: Probleme zwischen Partner und Ex bleiben zwischen Partner und Ex. Du bist keine Vermittlerin.
Sally Matthes: „Die meisten Paare in Patchworkfamilien reden nur über die Kinder, die Ex oder die Logistik. Aber sie reden selten über sich. Über das, was sie als Paar brauchen. Und genau da beginnt die eigentliche Arbeit.”

Bonusmama-Sein ist keine Pflicht — es ist eine bewusste Entscheidung
Der vielleicht wichtigste Satz aus Julias Interview: „Bonusmama-Sein bedeutet nicht, alles auszuhalten. Es bedeutet, bewusste Entscheidungen zu treffen.”
Du entscheidest, wie viel du gibst. Du entscheidest, wo deine Grenze ist. Du entscheidest, ob du heute Energie hast für das Elternbett-Drama oder ob du sagst: Heute nicht.
Das ist keine Schwäche. Das ist Klarheit. Und genau diese Klarheit — so sagt Julia — hat ihre Patchworkfamilie gerettet. Nicht mehr geben, nicht härter kämpfen, sondern bewusster wählen, wofür sie ihre Energie einsetzt.
Wenn du dich in Julias Geschichte wiedererkennst: Du bist nicht allein damit. Und du musst das nicht allein durchstehen. Lies auch: Ab wann ist man Stiefmutter? und Patchworkfamilie — was du wissen musst.
Zusammenfassung
Als Mama und Bonusmama gleichzeitig trägst du eine unsichtbare Last: zwei Rollen, zwei Arten von Bindung, und die ständige Frage, ob du genug bist. Julias wichtigstes Learning: Aufhören, alles persönlich zu nehmen — und anfangen, bewusst zu wählen, wofür du deine Energie einsetzt. Gleiche Liebe ist ein Mythos. Was zählt, ist Respekt und Fürsorge für alle Kinder. Und Klarheit darüber, dass Bonusmama-Sein eine Entscheidung ist — keine Pflicht.
🎬 Passend dazu: Diese Folge auf YouTube anschauen
Willst du wissen, was dich als Bonusmama wirklich blockiert?
In 3 Minuten findest du heraus, welches Muster sich unbemerkt eingeschlichen hat und was du tun kannst, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Break the Cycle starten →Häufige Fragen
Ist es normal, dass ich meine eigenen Kinder und Bonuskinder unterschiedlich liebe?
Ja — das ist nicht nur normal, sondern laut Familienforscherin Dr. Patricia Papernow auch gesund. Die Bindung zu leiblichen Kindern und Bonuskindern hat unterschiedliche Qualitäten. Entscheidend ist nicht, ob du gleich fühlst, sondern ob alle Kinder mit Respekt und Fürsorge behandelt werden.
Wie setze ich als Bonusmama und Mama Grenzen, ohne die Familie zu spalten?
Grenzen setzen heißt nicht, eine Mauer zu bauen. Es heißt, klar zu benennen, was du brauchst und was nicht dein Thema ist. Regelmäßige Paargespräche über Zuständigkeiten und klare Absprachen mit der Ex helfen, Konflikte zu reduzieren — ohne dass du als „die Böse" dastehst.
Wie gehe ich damit um, wenn mein Bonuskind sich distanziert?
Distanz ist bei Bonuskindern — besonders in den ersten Jahren — normal und kein Zeichen deines Versagens. Gib dem Kind Raum, ohne dich komplett zurückzuziehen. Präsenz ohne Druck ist der Schlüssel: Da sein, Angebote machen, aber akzeptieren, wenn sie nicht angenommen werden.
Muss ich alles mittragen, was die Ex entscheidet?
Nein. Du darfst klar sagen, welche Entscheidungen der Ex dein Leben betreffen und wo du nicht mitmachst. Idealerweise kommuniziert dein Partner mit seiner Ex — du bist keine Vermittlerin. Wenn Grenzen wiederholt überschritten werden, ist ein gemeinsames Gespräch als Paar über eure Strategie wichtig.